Handgemachtes Fidget Toy aus Ton in einer Hand – sensorisches Hilfsmittel bei ADHS

Unterstimulation bei ADHS – und warum Fidgeting keine schlechte Angewohnheit ist

Anna-Maria Langer

Ich finde es gibt kaum etwas schlimmeres, als einen Videocall, in dem ich mich nicht frei bewegen kann. Denn: ich kann mich am besten auf Gespräche konzentrieren, wenn ich mit dem Telefonhörer durch die Gegend laufe oder mit der Person spazieren gehe. Eine Stunde fest an einem Platz zu sitzen, kann eine echte Herausfordrung sein - und das kennen viele Menschen mit ADHS, da Hyperaktivität häufig ein Teil des ADHS Symptomatik ist. 

Was ich damals nicht wusste – und was mir niemand erklärt hat: Mein Körper hat genau das getan, was er tun musste. Mittlerweile weiß ich, dass mir Fidgeting helfen kann, in solchen Momenten länger fokussiert zu bleiben. Allerdings ist dieses Thema mit vielen stereotypen Vorstellungen verbunden. Aber: Fidgeting ist kein schlechtes Verhalten. Es ist Neurobiologie. Und in diesem Blogpost schauen wir uns das Thema mal gemeinsam genauer an. 

personalisiertes Fidget Toy Tomate Geschenk mit Buchstaben


Was passiert in einem ADHS-Gehirn eigentlich gerade?

ADHS bedeutet nicht, dass man sich nicht konzentrieren kann. Es bedeutet, dass das Gehirn Schwierigkeiten hat, das Erregungsniveau und Aufmerksamkeit selbst zu regulieren – den sogenannten Arousal-Level.

Stell dir das Nervensystem wie einen Lautstärkeregler vor. Bei neurotypischen Menschen pendelt sich dieser Regler relativ automatisch auf die passende Lautstärke ein: fokussiert, wenn nötig – entspannt, wenn möglich.

Bei ADHS funktioniert dieser Regler anders. Oft steht er zu weit unten – Unterstimulation – und das Gehirn beginnt, sich selbst zu stimulieren, um überhaupt arbeitsfähig zu sein. Das Ergebnis? Wippen, Klicken, Kritzeln, Zappeln.

Das ist kein Defizit. Das ist ein Kompensationsmechanismus.


Das Nervensystem und sensorischer Input: Warum Hände helfen

Unser Nervensystem verarbeitet ständig sensorische Reize – Berührung, Druck, Bewegung, Temperatur. Dieser Input landet im sogenannten retikulären Aktivierungssystem (RAS), einer Region im Hirnstamm, die maßgeblich dafür zuständig ist, wie wach und fokussiert wir sind.

Wenn du ein Fidget Toy in der Hand hast und es knetest, drückst oder drehst, passiert Folgendes:

  • Taktile Rezeptoren in deinen Fingerkuppen senden kontinuierliche Signale ans Gehirn
  • Das RAS empfängt diesen Input und erhöht den Aktivierungslevel – ohne dass du bewusst darüber nachdenken musst
  • Gleichzeitig gibt die Handbewegung dem motorischen System etwas zu tun – und verhindert, dass es sich anderweitig "beschäftigt" (z. B. durch unerwünschtes Zappeln, das andere stört)

Das Ergebnis: Der Rest des Gehirns kann sich besser auf eine Aufgabe fokussieren, weil der Grundbedarf nach Stimulation gedeckt ist.


„Aber lenkt das nicht ab?" – Der große Irrtum

Ja, diese Frage bekomme ich oft. Und ich verstehe sie.

Die Annahme dahinter ist: Wenn jemand mit etwas in der Hand spielt, denkt er an dieses Ding – und nicht an das, worüber gerade gesprochen wird.

Für neurotypische Menschen stimmt das oft sogar. Ein Fidget Toy kann für jemanden, der bereits gut reguliert ist, tatsächlich ablenkend sein. Und auch neurodivergente Menschen müssen einfach ganz individuell herausfinden, ob Fidgeting für sie funktioniert oder manchmal sogar überstimuliert.

Für ADHS-Gehirne ist es umgekehrt: Das Toy ist nicht das Ziel – es ist der Hintergrundprozess. So wie manche Menschen besser denken können, wenn Musik läuft. Der auditive Input reguliert, ohne zu dominieren. 

Studien – unter anderem aus dem Bereich der Occupational Therapy – zeigen, dass gezielter sensorischer Input bei ADHS die Aufmerksamkeitsspanne und die Aufgabenerfüllung verbessern kann. Das ist keine Selbsthilfe-Folklore. Das ist Forschung.


Nicht jedes Fidgeting ist gleich

Hier wird es interessant – und das ist etwas, das ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann:

Es gibt fokussierendes Fidgeting und ablenkendes Fidgeting.

Fokussierendes Fidgeting ist repetitiv, vorhersehbar und läuft unbewusst ab. Ein Fidget Toy, das man knetet oder dreht, fällt in diese Kategorie. Es beschäftigt die Hände, ohne kognitive Ressourcen zu beanspruchen.

Ablenkendes Fidgeting hingegen ist unvorhersehbar, neu oder visuell auffällig – zum Beispiel mit einem Handy spielen, auf dem Stuhl balancieren oder eine neue App ausprobieren. Das zieht die Aufmerksamkeit aktiv auf sich.

Der Unterschied liegt in der Vorhersagbarkeit des sensorischen Inputs. Ein gutes Fidget Toy gibt dir immer dasselbe Gefühl – und genau deshalb bleibt es im Hintergrund.


Warum handgemachte Fidget Toys hier einen Unterschied machen

Massenprodukte sind oft laut, billig oder geben nach wenigen Wochen nach. Ich habe das selbst erlebt – ein Fidget Cube, der nach einem Monat klemmt, ist kein hilfreiches Werkzeug mehr. Es ist eine weitere Quelle der Frustration.

Ganz davon ab, dass ich kein Fan massenproduzierter Ware bin - ich möchte etwas mit einer Geschichte und Persönlichkeit. 

Handgemachte Toys sind anders:

  • Materialien mit echtem taktilen Feedback – Verschiedene Oberflächen geben dem Nervensystem den Input, den es sucht
  • Individuell in Größe und Widerstand – weil nicht jede Hand gleich ist
  • Langlebig – weil sie nicht in Serie gefertigt, sondern mit Sorgfalt hergestellt wurden

Ich mache diese Toys, weil ich selbst lange nach etwas gesucht habe, das wirklich funktioniert. Nicht als Spielzeug. Als Werkzeug und gleichzeitig als Form des Selbstausdrucks. Weil ich meine Neurodivergenz nicht mehr verstecken möchte.

Niedliche Mix Tier Sorgensteine Fidget Toys aus Polymer Clay für ADHS, Stressabbau und Entspannung


Was bedeutet das für den Alltag?

Wenn du ADHS hast – oder ein Kind, das ADHS hat – dann ist Fidgeting keine Störung. Es ist ein Signal. Dein Nervensystem sagt dir: Ich brauche mehr Input, um hier zu bleiben.

Das anzuerkennen ist der erste Schritt. Der zweite ist, den richtigen Input zu finden – einen, der reguliert, ohne abzulenken.

Ein Fidget Toy in der Hand während einer Besprechung, beim Lernen oder beim Lesen ist keine Schwäche. Es ist eine Strategie. Und es ist eine, die funktioniert.


Kurz zusammengefasst

  • ADHS-Gehirne kämpfen oft mit Unterstimulation – zu wenig Aktivierung im Nervensystem
  • Fidgeting ist ein natürlicher Kompensationsmechanismus, kein schlechtes Verhalten
  • Sensorischer Input über die Hände erhöht den Arousal-Level und verbessert die Fokussierung
  • Es gibt einen Unterschied zwischen fokussierendem (hilfreich) und ablenkendem (kontraproduktivem) Fidgeting
  • Handgemachte Fidget Toys bieten konsistenten, hochwertigen sensorischen Input – und sind deshalb besonders wirksam

 


Du hast Fragen zu unseren Toys oder möchtest wissen, welches zu deinem Nervensystem passt? – wir helfen dir dabei, das Richtige zu finden.


 

Zurück zum Blog

Hinterlasse einen Kommentar